Künstlerhaus
Halle für
Kunst & Medien

Burgring 2
8010 Graz, Austria
Dienstag bis Sonntag
10–18h
Donnerstag
10–20h
De / En
Journal
De / En

Pressegespräch:
28.06.2019, 10:00

Eröffnung:
28.06.2019, 18:00

Kurator: Sandro Droschl

Katalog erhältlich

Online Katalogbestellung


Termine

Do 25 07, 18:00
Bargespräch

Kinga Tóth (Autorin und Musikerin, Sárvár; Grazer Stadtschreiberin)
Lesung & Performance, anschließend Țuică
an der Bar von Peles Empire

Do 08.08., 15:00
Ábstract Hungary

Sandro Droschl (Kurator der Ausstellung, KM– Graz)
Kuratorische Führung

Do 22 08, 18:00
Kunst und Widerstreit – Künstler_innen im Sog einer illiberalen Kulturpolitik

Michael Wimmer (Politik- und Kultur wissenschafter, Universität für angewandte Kunst, Wien)
Vortrag

Do 05 09, 18:00
Abstract Hungary

Ákos Ezer, Dávid Fehér, Áron Fenyvesi, Mónika Zsikla (Künstler, Autor_innen,
Budapest)
Finissage, Künstlergespräch und Katalogpräsentation

Jeden Samstag, 11:00
kostenlose öffentliche Führung
Anfragen um nähere Auskünfte und spezielle
Führungen richten Sie bitte an Verena Borecký
unter vb@km-k.at oder 0316 74 0084.

29 06 2019 — 05 09 2019

Ákos Ezer

Ábstract Hungary

Mit Ákos Ezer präsentiert das Künstlerhaus als Halle für Kunst & Medien einen ungarischen Maler der jüngeren Generation, der sich thematisch nah an der Realität der Gegenwart seines Heimatlandes abarbeitet. Gegenstand seiner Malerei sind fortlaufend absichtsvoll oder slapstickhaft stürzende, zumeist männliche Figuren. Eine neue Bildserie zeigt zudem riesenhafte Portraits mit verdrehten, überdimensionalen Hälsen. Der Sturz und die körperliche Verrenkung werden zu inhaltlichen Gesten in Ezers Werken; diese ereilen die Protagonisten zumeist in Alltagssituationen. Mit seinen durch die eigenartigen Bewegungen entrückt wirkenden Körpern erzählt der Künstler kraftvoll vom Scheitern, dem Ungeschick und der Fehlbarkeit des Einzelnen und der Gesamtgesellschaft. Die farbenfrohen und figurativen Kompositionen bedienen sich einer abstrakten Formensprache, während eine Prise Humor das Abbild der Stolpersteine des privaten wie auch öffentlichen Lebens verfeinert.

Mit seiner Arbeit steht Ákos Ezer in der künstlerischen Tradition einer narrativen, ironisch gebrochenen „sozial-realistischen“ Malerei, die nicht nur den Einbruch der äußeren Verhältnisse auf den Einzelnen erkennen lässt. Vielmehr verdeutlichen die, trotz aller Stürze und Verrenkungen biegsamen und widerständigen, dabei in sich erstaunlich genügsam ruhenden und darin „stark“ wirkenden Protagonist_innen in ihrer stoischen Dynamik die (naive oder doch realistische?) Hoffnung auf ein „Vorwärts“ im Leben. Neben formalen Qualitäten in der Komposition, Bewegung und Farbgebung fällt die Eigenständigkeit der malerischen Ausführung auf, die Bilder sind schlichtweg „gut“ gemacht und erfüllen in ihrer dandyhaften Haltung ein gekonntes Schielen auf malerisches Spezialistentum, auch verleugnen sie nicht eine Kenntnis der jüngeren Kunsthistorie wie die bewegte Geschichte um den anregend umstrittenen Begriff des „Bad Painting“, womit auch an „Portraits“ von Guston, Kippenberger oder Koether erinnert sei. Der figurative Aufbau der Bilder denkt sich dabei aus der Abstraktion heraus, die in ihrer Stringenz in Aufbau, Form und Farbe den Hintergrund bzw. die Basis des Geschehens aufbereiten und ihren reichlich beanspruchten Körpern dadurch Halt geben. Im Sinne einer gesellschaftlichen Analyse kommt bei Ezer eine Abstraktionsleistung hinzu, vor deren Klarheit es den Hut zu ziehen gilt.

Ezer selbst betont die Zeitlosigkeit von malerischen Fragestellungen und steht einer allzu sozial-politischen Lesart im Sinne einer Kopplung von Bild und Realität durchaus kritisch gegenüber: „Obwohl diese konstruierten Figuren in der Ausstellung nicht aktuell und im realen Raum existieren, versuche ich diese neben ästhetischen und psychologischen Gesichtspunkten auch durch den sozialen Raum zu interpretieren.“

Ezer nimmt die „normalen“ Leute, ihre Sorgen und Mühen in den Blick, um sie durch seine Gemälde in ihrem Alltag – und im Versuch, diesen zu meistern – etwas zu begleiten. Aufgrund der jüngeren wechselvollen Geschichte des Landes wird das Leben in Ungarn oft als kein einfaches empfunden. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und das Ende des Warschauer Pakts kam es zu rasanten politischen Veränderungen. Eine umfangreiche Transformation von einer zentralisierten Planwirtschaft zu einer kapitalistischen Marktwirtschaft war die Folge.

Durch die Mitgliedschaft Ungarns ab 2004 in der Europäischen Union kam es nicht nur zu einer politischen und damit demokratischen Annäherung, vielmehr verstärkte sich das Tempo der trotz aller Kritik volkswirtschaftlich durchaus erfolgreichen ökonomischen Transformation. Neben dem produktionsbezogenen Know-How traf eine ungleich höhere, internationale Finanzkraft auf eine unzureichend wettbewerbsfähige Wirtschaftsstruktur, was zu einer tiefgreifenden Veränderung führte, die weite Teile der Gesellschaft und ihres Zusammenlebens in Mitleidenschaft zog. Entgegen der über Jahrzehnte herrschenden kommunistischen Doktrin des Primats der Gesellschaft über das Individuum kam es in der Betonung auf Eigeninitiative und Unternehmertum zu einer diametralen Umkehrung, die den Druck auf den Einzelnen weiter erhöhte. Aktuelle Entwicklungen hin zur Etablierung einer illiberalen Demokratie schränken die persönlichen Freiheiten wieder ein.

Das Ergebnis all dieser fortlaufenden, unübersichtlichen Entwicklungen schlägt sich mit Vehemenz auf das alltägliche Leben der ungarischen Bevölkerung nieder: Im Versuch mit den Ereignissen Schritt zu halten ist der Einzelne ungleich mehr gefordert. Neben vielen Gewinnern gibt es auch Verlierer, die eher durch das Leben taumeln als einem aufrechten Gang folgen. Aber auch für den „kleinen Mann“ ist es alles andere als einfach, seinen eigenen, geraden Weg zu finden. Stürzen, um wieder aufzustehen, in der Hoffnung es zukünftig besser zu machen: Dieses erschöpfend eigenartige Spiel wird sich nicht endlos wiederholen lassen. Im Alltag wird sich in absehbarer Zeit vermutlich wenig ändern und die Gemälde von Ákos Ezer bleiben wohl noch länger ein abstrahiertes Sinnbild für heutige komplexe Lebenswelten.

Die zeitlos wirkende Idee bzw. das „Abstract“ für eine bessere Zukunft scheint stärker als alle Mühsal der Gegenwart und Vergangenheit. Dieser Hang zur Abstraktion komplexer sozialer Gegebenheiten, der Wille zur Veränderung und die Zähigkeit in der Analyse und Darstellung zeichnet die ungarische Kunstszene und im Besonderen seine „Abstrakten“ seit den 1960er Jahren bis heute aus, die das KM– 2017 anhand 25 wesentlicher Positionen in der generationenübergreifenden, dialogischen Ausstellung „Abstract Hungary“ gewürdigt hat. Eine beide gleichnámigen Projekte erweiternde Publikation bietet einen abstrahierten Blick auf Ungarn.

Ákos Ezer (*1989 Pécs, lebt in Toalmás und Budapest) hat an der Ungarischen Universität der Bildenden Künste Malerei studiert und wird durch die Budapester Galerie Art + Text vertreten. Seine Werke waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, u.a. am Kiscell Museum (2018) und dem Museum Ludwig in Budapest, in der New Budapest Gallery (2017), bei Tanja Pol (2018) in München und Beers Gallery (2017) in London. 2017 wurde er mit dem Esterházy Art Award ausgezeichnet. „Ábstract Hungary“ ist Ezers erste institutionelle Einzelausstellung.

Künstlerhaus
Halle für Kunst & Medien

Burgring 2
8010 Graz, Austria
Dienstag bis Sonntag 10–18h
Donnerstag 10–20h